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Marion Korell „Unversuochet ist unervahrn.“ Eine gedankliche Reise rund um Erfahrung, Erkundung und Bildung
Im Begriff „Erfahrung“ steckt eine alte Wortgeschichte, die unsere Erkundung der Welt spiegelt. Kinder werden immer wieder neu zu Welterkundern – und legen damit Grundsteine für lebenslange Bildungsprozesse.
Welterkundung, das klingt nach ganz weit weg reisen, nach Orten, die Samarkand, Timbuktu oder Feuerland heißen. Es klingt nach Abenteuern, nach fernen Ländern mit unbekannten Menschen, Tieren, Pflanzen, Farben, Gerüchen, Geräuschen und Geschmäckern. Obwohl außer fernen Orten unendlich viele Welten erkundet werden können, gibt es einen ursächlichen Zusammenhang mit dem Reisen. Dies wird deutlich, wenn man das Terrain sprachlich erkundet und feststellt, dass die Verben erkunden, erforschen und erfahren den gleichen Ursprung und die gleiche Bedeutung haben. Am Beispiel des Verbs erfahren möchte ich dies erklären. Was macht es für den einen Menschen interessant oder sinnvoll, fremde Welten oder ferne Länder zu erkunden, während das einen anderen gar nicht reizt oder sogar ängstigt? Ist so eine Erkundung nicht langweilig, wo doch jedes Fleckchen dieser Erde sowieso längst entdeckt, vermessen und kartiert wurde? Ist eine Erkundung gefährlich, soll vielleicht jemand mitkommen oder kann man einen Kundschafter vorschicken?
Erfahren – klug werden
Nach dem etymologischen Wörterbuch von Kluge geht das Verb erfahren bis zum althochdeutschen Sprachgebrauch (8.–11. Jh.) abgeleitet von irfaran zurück und bedeutete ursprünglich durchreisen oder ein Land kennen lernen und veränderte sich dann zu allgemein kennen lernen. Seit dem 15. Jh. wird der Begriff für bewandert oder klug verwendet (Kluge 2002). Im Herkunftswörterbuch des Dudenverlages werden außerdem erreichen, durchfahren, durchziehen als ursprüngliche Bedeutungen genannt, sowie für den späteren Gebrauch, erforschen und durchmachen. Im Duden findet sich unter fahren (ursprünglich varn) der Begriff durchdringen und es war jede Form der Fortbewegung, auch reiten, schwimmen oder gehen, damit gemeint. Es lassen sich die Begriffe Vorfahr, Nachfahr, Gefahr und Gefährte ableiten. Beim Vergleich von widerfahren und erfahren wird der Unterschied zwischen aktiven und passiven Erfahrungen deutlich. Leid kann jemandem widerfahren oder Leid kann erfahren werden. Eine Definition des Begriffes Erfahrung ergänzt die sprachliche Erkundung: „Die Gesamtheit der Ergebnisse und der daraus gewonnenen Erkenntnisse des Menschen in der Auseinandersetzung mit der Welt (äußere Erfahrung) und mit sich selbst (innere Erfahrung). Die Erfahrung als Grundlage und Methode der Erkenntnis: Empirie, Empirismus.“ (Internet- Recherche unter www.wissen.de ) Als Namensbestandteil beschreibt der Begriff Erfahrung die Welterkundungsgegenstände genauer. Jemand kann Reiseerfahrung haben und vielleicht spezialisiert über Tropen- oder Wüstenerfahrung verfügen oder in der Unterwasserwelt besonders bewandert sein. Jemand kann als erfahrene/r Erzieherin, Koch oder Wissenschaftler Berufserfahrung haben. Wann genau gilt jemand im Allgemeinen als erfahren auf seinem Gebiet?
Über ein hohes Lebensalter zu verfügen, bedeutet noch nicht, dass zugleich Lebenserfahrung vorhanden ist. Es sagt noch nichts darüber aus, mit welcher Offenheit sich jemand in die Erfahrungsmöglichkeiten seines Lebens begeben hat, welche Erkenntnisse gewonnen und welche Bedeutung diesen für die eigene Biografie zugewiesen wurden. Es ist wohl von entscheidender Bedeutung, wie jemand seine Erfahrungen macht und seine Erkundungen und Forschungen betreibt. Aus meiner Sicht ist Offenheit für Prozesse erforderlich und die Bereitschaft, den unterschiedlichen Wegen ebenso viel Aufmerksamkeit zu widmen wie den Zielen. Und es bedarf der Freiheit, Ziele unterwegs verändern zu können. Letztlich sind Prozesse immer ergebnisoffen, wenn individuellen Erfahrungen wirklich Raum zugestanden wird.
Marion Korell ist als Erzieherin und als freiberufliche Kunsttherapeutin in Wiesbaden tätig. www.kunsttherapie.marion-korell.de
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