|
|
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
dass Kinder die Welt erkunden, klingt so alltäglich-banal, dass man sich erst im zweiten Schritt Gedanken macht, was daran wohl das Spannende sein mag. Und doch steckt in diesem Wort Welterkundung eine Grundfrage aller Bildung. Spätestens seit Comenius im 17. Jahrhundert ein Bilderbuch – Orbis sensualium pictus, die „gemalte Welt“ – veröffentlicht hatte, das ein Lehrbuch über die Welt sein wollte und 200 Jahre lang blieb, beschäftigen sich Pädagogen und Bildungsforscher immer wieder mit der Frage, inwiefern die Welt ein Bildungsraum für Kinder ist und was denn eine Bildungseinrichtung von der Welt „draußen“ zeigen soll. Es ist die alte Frage von Präsentieren und Repräsentieren: Einerseits haben Kinder ein Riesenpotenzial an Möglichkeiten, etwas von der Welt zu erfahren: durch den unmittelbaren Lebensraum, Bücher, Fernsehen und andere Medien sowie das Wissen und die Erfahrung anderer Kinder und Erwachsener. Diese gewollte oder unwillkürliche Überlieferung ist die Präsentation von Welt. Wenn nun die Kita mit ihrem Bildungsauftrag und Bildungsplan, ihrer Fülle an Materialien und Erfahrungsmöglichkeiten, der Einbeziehung von Experten und den Kompetenzen der Fachkräfte selber als Erfahrungsraum für Kinder hinzutritt, bietet sie diesen weit mehr als sie in Familie und Wohnumgebung erfahren können. Andererseits ist sie aber auch Begrenzung; die Kita zeigt nicht alles, was es in der Welt gibt. Sie wählt notgedrungen aus, nicht nur aufgrund der schieren Fülle, sondern auch, weil Bildungspläne, Konzepte, Ziele und persönliche Entscheidungen der Fachkräfte einschränken (müssen). Das ist Repräsentation von Welt. Wenn man Kindern beispielsweise zeigt, welche Spiele es im Kindergarten gibt, zeigt man eben nicht die, die es sonst noch auf der Welt gibt. So gesehen ist die Kita sowohl Erweiterung als auch Einschränkung der Erfahrungsmöglichkeiten für Kinder. Die Bildungsprozesse der Kinder sind dabei auch immer beides: Die komplexe Vielfalt der Welt lässt sich nicht ungefiltert erfahren. Neues kennen lernen und sich zu eigen machen geht nur, wenn die gewonnenen Erkenntnisse strukturiert, bearbeitet und kommuniziert werden. „Erfahrungsmuster bilden sich durch Einschränkung“, sagt Gerd E. Schäfer in seinem Beitrag. Die Medaille der Welterkundung hat zwei Seiten, die präsentierende und die repräsentierende. Das eine geht nicht ohne das andere. Die Auswahl und Bearbeitung von „Welt“ in der Kita will daher gut überlegt sein. Der Schlüssel hierfür ist nicht etwa das Gutdünken der Erwachsenen, sondern die Verständigung mit den Kindern. Im Wahrnehmen ihrer Interessen, im Dialog mit ihnen, wenn sich Erwachsene und Kinder gemeinsam auf die Erkundung der Welt begeben und miteinander in Resonanz geraten, wie es Rosy Henneberg sagt, werden die beiden Seiten der Medaille geprägt.
Herbert Vogt, Jutta Hauser |